06.05.2019

Steiermark: Europaweiter Meilenstein in der Waldforschung

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die nachhaltige Forstwirtschaft in Mitteleuropa. Laut Studien sterben jährlich europaweit 300.000 ha Wald. In Österreich sind allein 2018 10 Mio. Festmeter (fm) Holz - umgerechnet 13 Mio. Bäume - durch extreme Wetterereignisse infolge des Klimawandels und Schädlingsinvasionen (z. B. Borkenkäfer) zu Schaden gekommen. Die Steiermark, das waldreichste Bundesland in Österreich, war davon relativ gering betroffen, dennoch will die Landesregierung frühzeitig Vorkehrungen treffen und hat ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer (LK) sowie den Land &Forst Betrieben initiiert, das aus Mitteln der EU und des Bundes unterstützt wird.

Dabei sammeln mehr als 100 Experten der BOKU Wien wissenschaftliche Daten über den Wald, indem sie die Böden und Vegetation im gesamten Bundesland untersuchen. Ziel ist es, mit einem praxistauglichen Instrument eine auf den Standort und die klimatischen Einflüsse angepasste Planungs- und Beratungsgrundlage für die Waldbewirtschaftung zu schaffen, die auch digital abrufbar jederzeit zur Verfügung steht. Damit können die Wälder besser klimafit und zukunftsfähig gestaltet sowie die Bewirtschaftungsbedingungen der Forstwirtschaft insgesamt optimiert werden. Jedem Waldbesitzer steht nach Abschluss der Forschungsarbeiten ab 2021 eine gezielte und auf seinen Standort abgestimmte Empfehlung geeigneter Baumarten zur Verfügung, die auch jeweilige unterschiedliche Klimaszenarien berücksichtigt. Je nach Risikobereitschaft kann dann die entsprechende Baumartenentscheidung für Aufforstung und Pflege frei getroffen werden.

„Der Wald liefert uns den nachhaltigsten Rohstoff, der 55.000 Menschen Arbeit gibt und für 40.000 bäuerliche Betriebe Existenzgrundlage ist. Bis dato hat das Rüstzeug gefehlt, das wir nun unseren Forstwirten zur Verfügung stellen, um eine optimale Entscheidungsgrundlage für die Bewirtschaftung ihres Bestandes zu liefern“, erläutert Agrarlandesrat Johann Seitinger.

Waldwirtschaft: Erfolg liegt in der Vernetzung

„Das Wachstum im Wald ist geprägt vom Wasser-, Licht-, Wärme- und Nährstoffangebot. In der Waldwirtschaft werden diese Faktoren normalerweise als stabil betrachtet. Das bedeutet, dass wir für die Ableitung der Waldtypen und die Beschreibung der Baumarteneignung die im Rahmen des Klimawandels zu erwartenden Veränderungen berücksichtigen“, erläutert Harald Vacik, Professor am Boku-Institut für Waldbau. Insgesamt werden drei Klimaszenarien analysiert. Bei dem Projekt der dynamischen Waldtypisierung können sich nicht nur die Grenzen der Höhenstufen verschieben, auch das Wasserangebot ändert sich.

Trockenheitsresistentere Baumarten sind gefragt, aber auch eine gute Durchmischung mit Arten, welche mit den zukünftigen Standortbedingungen besser umgehen können. „Stürme, Orkane oder Trockenheit - die Klimaveränderung stellt auch unsere Waldbauern vor große Herausforderungen. Mit dem digitalen Modellierungstool unterstützen wir daher unsere Forstwirte, damit sie heute jene Baumarten auspflanzen können, die dann morgen trotz verändertem Klima vital wachsen können“, so LK-Präsident Franz Titschenbacher.

Handbuch für die praktische Anwendung bis 2021 geplant

Vorhandene Daten aus dem geografischen Informationssystem des Landes - das digitale Höhenmodell, geologische Karten, Standorts- und Klimadaten - werden von der Wissenschaft mit aktuellen Erhebungen im Feld und aus der österreichischen Waldinventur verdichtet. Dazu arbeiten die Forschergruppen aus Graz, Innsbruck und Wien (Uni Graz, Joanneum Research, JR-AquaConSol, Bundesamt und Forschungszentrum für Wald, ZAMG, BOKU) zusammen mit technischen Büros (WLM, ALPECON). Bis 2021 soll es neben den Karten auch ein Handbuch für die praktische Anwendung im Wald geben, in dem die mehr als 100 Waldtypen mit Empfehlungen zur Baumarteneignung und Bestandsbehandlung für die Steiermark beschrieben sind. (aiz)