03.05.2018

CRISPR/Cas & Co: 3. Saatbau Dialog zu neuen Techniken in der Molekularbiologie

Neue Techniken in der Molekularbiologie, wie CRISPR/Cas, versprechen die Revolutionierung nicht nur in der Pflanzenzüchtung, sondern auch in der Medizin. Die Methoden erlauben, Erbgut so schnell, präzise und kostengünstig zu verändern, wie noch nie zuvor. Welche Möglichkeiten und Risiken die neuen Techniken mit sich bringen und ob diese als Gentechnik einzustufen sind, diskutierten Markus Hengstschläger, Professor für Medizinische Genetik, und Eva Stöger, Professorin für Angewandte Genetik und Zellbiologie, beim gestrigen dritten Saatbau Dialog, der Saatbau Linz, zu dem Vertreter aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft, Schulen sowie Politik und Presse geladen waren. 

Saatbau Linz steht neuen Züchtungsmethoden positiv gegenüber

Sechs Jahre nach der Entdeckung des vielversprechenden Genome-Editing-Werkzeugs CRISP/Cas, die durch einfaches An- und Abschalten von Genen oder dem Entfernen und Einfügen einzelner Genabschnitte im Erbgut an jeder gewünschten Stelle Veränderungen ermöglicht, wird die Liste jener Pflanzenzüchtungen, die mit dieser Methode entwickelt wurden immer länger. Während nahezu jeder Teilbereich der Landwirtschaft konkrete Anwendungen aufzeigen kann, hinkt ihr Einsatz in der medizinischen Therapie derzeit noch hinterher. Die Technik an sich gilt in der Humanmedizin als Hoffnungsträger, bisher unheilbare Krankheiten heilen zu können. "Wenn man bei einem Erwachsenen eine genetische Veränderung vornimmt, um Krebs zu bekämpfen, ist das zu befürworten. Wenn man aber in die Keimbahn von Embryonen eingreift, sind die Folgen nicht absehbar. Dann wird die genetische Veränderung nämlich vererbt. Da Menschen in ihrer Genetik sehr unterschiedlich sind, kann man nicht sagen, welche Nebenwirkungen das für spätere Generationen haben könnte", betont der Genetiker Hengstschläger. 

Noch keine Regelung in der EU für neue Techniken 

Während sich die Technologie rasant weiterentwickelt, ringt die EU-Kommission seit Jahren um eine klare Deklaration. Die Antwort auf die Frage "Gentechnik ja oder nein" entscheidet darüber, welcher Prüfung die Pflanzen unterzogen werden und ob sie dann letztlich als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) gekennzeichnet werden oder nicht. "Rein wissenschaftlich gesehen ist das eine bestechende Technik, weil sie sehr einfach und relativ günstig einsetzbar ist. International wird das auch gemacht. In Europa zögern aber alle Züchter, solange die Gretchenfrage nicht geklärt ist, ob das nun als Gentechnik eingestuft wird", bringt es Josef Fraundorfer, Geschäftsführer der Saatbau Linz, auf den Punkt. Laut österreichischer Rechtslage erzeugen all diese neuen Techniken GVO. 

Bedenken werden gehört 

Auch in der Öffentlichkeit herrscht keine einhellige Meinung dazu: Während goutiert wird, was in der Medizin Therapie und Heilung verspricht, wird der Einsatz in der Pflanzenzüchtung argwöhnisch beäugt. Neue Studien zeigen, dass bei der CRISPR/Cas-Methode immer wieder "off target"-Effekte (unerwünschte Veränderungen an unerwarteten Stellen) im Genom auftreten. 

Wenn Genome-Editing-Verfahren in der Pflanzenzüchtung zum Einsatz kommen, sind diese häufig später nicht mehr nachweisbar, da zwar die Mutation vererbt wird, nicht aber das CRISP/Cas-Werkzeug selbst. Eine Deklaration als "gentechnisch verändert" könnte entfallen, da die Folgegenerationen sich in keinem Merkmal von auf natürliche Weise veränderten Pflanzen unterscheiden lassen. Feldversuche und Produktzulassungen können ohne spezifische Sicherheitsprüfung erfolgen. Die Tatsache, dass in Hinblick auf die neuen Verfahren bereits Patentstreitigkeiten anhängig sind, stellt die freie Verfügbarkeit der daraus entwickelten Pflanzen in Frage. 

Fraundorfer: Innovationskraft der Züchtung muss ausgebaut werden 

Befürworter einer liberalen Lösung sehen in den neuen Techniken aufgrund ihrer Präzision sogar die biologisch verträglichste Methode der Pflanzenzüchtung, schließlich würden auch herkömmliche Methoden maßgebliche Eingriffe in das Erbgut darstellen, so ihr Argument. "Bei CRISPR/Cas können mit gezielten Mutationen bestimmte erwünschte Veränderungen, beziehungsweise Eigenschaften von Nutzpflanzen erzielt werden, die man auch mit herkömmlicher Züchtung erreicht, aber in wesentlich kürzerer Zeit", unterstreicht Saatgut Linz-Geschäftsführer Fraundorfer. Der natürliche Züchtungsprozess werde beschleunigt, was insbesondere in Hinblick auf Resistenzen wertvoll sei. Allem voran aber seien die neuen Methoden sicher, einfach und kostengünstig. Sie stünden daher auch kleinen Züchtern offen und nicht nur Konzernen. 

"Genome-Editing stellt für die Landwirtschaft eine moderne Züchtungstechnik dar, die weltweit jetzt schon Einsatz findet. Für mich ist eine generelle Gleichstellung mit Gentechnik nicht haltbar. Produkte, die Veränderungen im Genom tragen, die auch durch klassische Züchtungstechniken und natürliche Mutation entstehen hätten können und von diesen nicht unterscheidbar sind, sollen auch nicht gleich wie Gentechnik reguliert werden", so Stöger. Dieser Meinung schließt sich die europäische Saatgutbranche, darunter auch die Saatbau Linz sowie die Saatgut Austria an. Sie sehen darin die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft angesichts einer rasant steigenden Weltbevölkerung, schwindender Ressourcen und dem Klimawandel. "Die Innovationskraft der Züchtung muss ausgebaut werden - dazu braucht es rasch ein EU-weit einheitliches und eindeutiges Regelwerk, um international nicht ins Hintertreffen zu geraten", fordert Fraundorfer. 

Zudem wird verlangt, dass die Produkte, die aus den neuen Züchtungsmethoden entstehen, nicht patentierbar werden. "Der Sortenschutz soll klar Vorrang gegenüber dem Patentschutz haben", betont Fraundorfer. Sollte es auch keine einfachen Lösungen für diese große Herausforderung geben, könne ein Stillstand in der Pflanzenzüchtung keinesfalls die Antwort sein.