23.11.2015

IGP Dialog: Experten warnen vor Panikmache

Die IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP) hat zum zweiten IGP Dialog geladen und mit einem hochkarätigen Publikum die Frage "Gefahr oder Risiko ­ gibt es einen Konsens über zumutbares Risiko?"
diskutiert. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte rund um die Bienenverluste und als Fortsetzung des Runden Tisches "Meet the Bees" widmete sich die Diskussion der grundsätzlichen Fragestellung, nach
welchen Kriterien über eine Zulassung von Pflanzenschutzmitteln entschieden werden soll. Nach der Keynote von Walter Krämer, TU Dortmund, Fakultät für Statistik, diskutierten Christian Stockmar, Obmann der IGP, Gaby-Fleur Böl, Abteilungsleitung Risikokommunikation am BfR, Albert Bergmann, Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel in der AGES, und David Süß, Generalsekretär der österreichischen Jungbauern. Bedauerlicherweise war aufgrund von Erkrankungen eine Teilnahme von NGO-Vertretern nicht möglich. Durch die Veranstaltung im Wiener Lokal Labstelle führte Martin Kugler, Chefredakteur des Universum Magazins.

Krämer: Stellen echte Gefahren auf Stufe mit Kinkerlitzchen
"Das Problem ist, dass wir echte Gefahren auf dieselbe Stufe mit Kinkerlitzchen stellen. Aber um zu entscheiden, welche Risiken noch akzeptabel sind, muss man diese zunächst einmal kennen", so Walter
Krämer. Seine drei Thesen lauten deshalb:

  • Wir machen uns oft wegen der falschen Dinge die größten Sorgen
  • Die Angst vor Gefahr und Risiko ist oft umgekehrt proportional zur Größe der Gefahr
  • Wir treiben einen Riesenaufwand zur Reduktion von nichts und lassen die wirklichen Gefahren ungeschoren

"Diese irrationale Risikobewertung richtet einen enormen wirtschaftlichen Schaden an", warnt Krämer und nennt etwa den Schlecker Babykost-Skandal als Beispiel. Als Determinanten der Risikoüberschätzung nennt er nicht beeinflussbar, akut wirksam, geheimnisvoll oder unfreiwillige Exposition. Vor allem synthetische
Herstellung führt zu einer Überschätzung. Dabei seien "99,99% aller Schadstoffe und Gifte in unserer Nahrung von Natur aus drin", betont Krämer. Würde ein Unternehmen die künstliche Herstellung von
Himbeeren beantragen, bekäme es aufgrund der Vielzahl giftiger Inhaltsstoffe keine Genehmigung.

Grenzwerte müssen besser vermittelt werden
"Es gibt kein Patentrezept für richtige Risikokommunikation", meint Gaby-Fleur Böl. "Aber es ist wichtig, dass man bildhafte Vergleiche wählt, dass man den Menschen Handlungsanweisungen gibt und auch absolute Wahrscheinlichkeiten beziffert. Wir müssen einfacher und besser kommunizieren." Sie nennt Grenzwerte als Beispiel: "Diese werden als Grenze zwischen giftig und ungiftig wahrgenommen, dabei ist noch eine Sicherheitsmarge mit dem Faktor 100 dazwischen." Grenzwerte seien aufgrund ihrer Komplexität schwer zu vermitteln, sagt auch Albert Bergmann. "Risikobewertung ist immer ein Kind der
Zeit. Denn der Level bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln steigt ebenso wie die Qualität der Analysemethoden stetig. Wir müssen für eine solide Risikobewertung ja wissen, bei welcher Dosis Symptome auftreten und bei welcher nicht mehr."

Konsumenten den Nutzen von Pflanzenschutz vermitteln
David Süß ortet einen Kommunikationsbedarf, was den Pflanzenschutz betrifft: "Jeder Landwirt produziert auf seine eigene Art und Weise selbstbestimmt Lebensmittel mit hoher Qualität." Kein Landwirt habe sich deshalb die Diskussion gute Bio- versus böse konventionelle Landwirtschaft verdient, "denn keiner setzt aus Jux Pflanzenschutzmittel ein". Das müssten die Landwirte vermitteln. Christian Stockmar erkennt ebenfalls Handlungsbedarf: "Der Nutzen von Pflanzenschutz ist den Konsumenten nicht bewusst. Wir müssen aktiv
auf sie zugehen, denn es ist ein Thema, das sie interessiert." Dann könne man auch zeigen, dass Pflanzenschutzmittel zu den bestuntersuchten Substanzen gehören, also noch besser als Medikamente, so Stockmar. "Denn es wird auch das Verhalten gegenüber Mensch, Tier und Umwelt untersucht. Wir wollen ja Sicherheit in die Substanzen geben."

Einig sind sich die Diskutanten bei ihren Wünschen für die Zukunft: Eine weniger romantisierende Darstellung der modernen Landwirtschaft, eine offenere Kommunikation der Landwirte mit Medien und der
Öffentlichkeit sowie ein entspannterer Umgang mit Risiken.


Bilder zur Veranstaltung gibt es hier zum Download.