05.03.2015

Anti-Weizen-Welle: Weizenzüchter widerspricht Märchen vom bösen Weizen

Dumm und dick soll er machen, und man sollte ihn gänzlich vom Speisezettel verbannen: Die Anti-Weizen-Welle aus den USA ist mit diversen Bestsellern zum Thema längst bei uns angekommen. Dr. Friedrich Longin, Weizenexperte an der Universität Hohenheim, hält die derzeitige Ablehnung des Weizens für wissenschaftlich nicht begründbar. Im Gegenteil: Möglicherweise könnten neue Weizensorten zukünftig dazu beitragen, den leider noch verbreiteten Mineralstoff-Mangel von Menschen vor allem in Entwicklungsländern in den Griff zu bekommen. Weizen soll verantwortlich sein für fast alle modernen Erkrankungen, wie Fettsucht, Diabetes und Nervenerkrankungen.

Alte Weizenarten: Kein Beleg für bessere Verträglichkeit

Zur Weizenfamilie gehören rund ein Dutzend Weizen-Arten. Von großer Anbaubedeutung weltweit sind allerdings nur die Arten Brotweizen und Hartweizen, in Europa zusätzlich der Dinkel. Sie wurden nicht erst in neuer Zeit, sondern seit Beginn des Ackerbaus von Menschen gezüchtet. Der Begriff „Urweizen“ ist daher nur schwer definierbar.
Dennoch spricht man oft von „alten Weizenarten oder Weizensorten“, die besser verträglich sein sollen. „Doch selbst Einkorn, Emmer und Dinkel weisen heute große genetische Unterschiede zu den Sorten vor 10.000 Jahren auf“, erläutert Dr. Longin. „Und dafür, dass sie besser bekömmlich sind, gibt es bislang keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg.“

Inhaltsstoffe selten im Fokus der Züchter

Weizen zählt zu den Grundnahrungsmitteln der Erde. Der Fokus liegt daher primär auf dem Ertrag. Neue Sorten sollen den Standortansprüchen in verschiedenen Regionen der Welt besser gerecht werden, resistenter gegenüber Krankheiten sein und bessere Backeigenschaften haben. Vor allem sollen sie einen stabilen Ertrag unter möglichst reduziertem Dünger- und Spritzmitteleinsatz liefern.
Die Inhaltsstoffe des Weizens haben die Züchter bislang kaum gezielt verändert, auch weil schlichtweg das Marktinteresse dafür fehlt. Auch völlig neue Proteine könnten – entgegen anderslautender Behauptungen – durch klassische Züchtung nicht so einfach entstehen, betont Dr. Longin.
Dafür wären gentechnische Züchtungsmethoden nötig. Auch weltweit wird bisher keine einzige gentechnisch veränderte Weizensorte angebaut.

Weizenzüchtung gegen Mineralstoffmangel

„Weizen ist allerdings ein wichtiger Lieferant von Mineralstoffen, die in zahlreichen Ländern nicht ausreichend über die Ernährung aufgenommen werden“, stellt Dr. Longin klar. Deswegen versuchen Weizenzuchtprogramme für Entwicklungsländer teilweise darauf zu selektieren, dass neue Weizensorten höhere Zink- und Eisengehalte aufweisen.
„Die Urform des Weizens, der Einkorn, hat übrigens deutlich gesteigerte Mengen an positiven Inhaltstoffen wie Zink, Eisen und das Carotinoid Lutein“, hebt Dr. Longin hervor. Ernährungsphysiologisch wäre er daher attraktiv. Gekoppelt sei dies aber mit einem deutlich geringeren Ertrag als bei Brotweizen.