27.08.2020

Agrana: Zuckerrübenverarbeitung soll auf Standort Tulln konzentriert werden

Der Aufsichtsrat der Agrana Beteiligungs-AG hat in seiner letzten Sitzung der Schließung der Zuckerfabrik am Standort Leopoldsdorf, NÖ, nach der diesjährigen Rübenkampagne im Dezember 2020 zugestimmt. Dies teilte das Unternehmen in einer Aussendung mit. Rübenbauern-Präsident Ernst Karpfinger sieht noch Chancen zur Rettung des Standortes Leopoldsdorf und hält gleichzeitig für den Fall der Schließung Begleitmaßnahmen für dringend notwendig. Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger will alle Beteiligten zu einem Gipfelgespräch einladen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

„Der wegen der geringen Rübenflächen von 26.000 ha in Österreich zuletzt fragliche Kampagnenbetrieb 2020 an beiden niederösterreichischen Standorten ist aufgrund der vorteilhaften Vegetationsbedingungen und der dadurch zu erwartenden außerordentlich hohen Rübenerträge ökonomisch sinnvoll. Bei den gegebenen Rübenanbauflächen ist dies jedoch künftig nicht möglich, und daher wurde die Konzentration auf einen Standort beschlossen. Sollte bis Mitte November 2020 keine Zusicherung einer Anbaufläche in Österreich von zumindest 38.000 ha gegeben sein, ist die endgültige Schließung des Werkes Leopoldsdorf nach der Kampagne 2020 unumgänglich“, betont die Agrana.

Aus heutiger Sicht würden die Restrukturierungsaufwendungen im Falle einer endgültigen Schließung bis zu 35 Mio. Euro betragen, wovon bis zu 15 Mio. Euro liquiditätswirksam wären.

Karpfinger sieht noch Chancen für Rettung des Standortes


Für Karpfinger ist „die Tür noch nicht ganz geschlossen“. Es müsse nun dringend ein letzter Anlauf zur Rettung der Zuckerfabrik Leopoldsdorf gestartet werden, appelliert er an alle Beteiligten. „Es müssen nun von den Rübenbauern ausreichend Anbauflächen für 2021 kontrahiert werden. Dazu benötigen wir aber unbedingt begleitende Maßnahmen von der Politik. Wir brauchen eine verbindliche Zusage für verlässliche Rahmenbedingungen beim Pflanzenschutz sowie finanzielle Unterstützung im Kampf gegen den Rüsselkäfer. Ähnliches wurde beispielsweise für Frankreichs Rübenbauern vor wenigen Wochen angekündigt, die ebenfalls massiv mit Schädlingen zu kämpfen haben. Dort wurde erkannt, dass die Eigenversorgung wichtig ist und keinesfalls leichtfertig aufgegeben werden darf“, so Karpfinger.

Insbesondere beim Pflanzenschutz stoßen die Rübenbauern immer häufiger an ihre Grenzen. Es gibt kaum mehr wirksame Mittel, die zur Bekämpfung des Rübenderbrüsslers und auch anderer Schädlinge verwendet werden dürfen. „Uns fehlt aber das notwendige Werkzeug zum Arbeiten. Bei uns alles zu verbieten und dann Importe aus Ländern außerhalb der EU zuzulassen, welche Pflanzenschutzmittel verwenden, die bei uns längst verboten sind, ist der falsche Weg. Das vernichtet heimische Wertschöpfung sowie Arbeitsplätze und ist unfair“, kritisiert der Präsident.

Selbstversorgung mit Zucker sicherstellen

„Österreich kann sich derzeit bei Zucker aus heimischer Produktion noch selbst versorgen. Würde eine Zuckerfabrik geschlossen werden, wäre das nicht mehr der Fall. Zucker wird traditionell seit Jahrzehnten aus Zuckerrüben vor Ort in Österreich produziert. Es muss nun alles unternommen werden, diese regionale, umweltgerechte Produktion eines wichtigen Grundnahrungsmittels sicherzustellen“, so Karpfinger. Die Anbaufläche 2021 auf 38.000 ha zu erhöhen, sei „schwierig, aber machbar“, immerhin hätten die Rübenbauern auch heuer eine Ausweitung von 32.000 auf 34.000 ha geschafft - der Rübenderbrüssler habe allerdings die Fläche wieder deutlich verringert. Nun seien rasche Entscheidungen und planbare Rahmenbedingungen gefragt. „Es freut mich, dass Bundesministerin Elisabeth Köstinger und LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf bereits angekündigt haben, dies zu unterstützen“, erklärt der Präsident.

Köstinger lädt zu Rundem Tisch

Köstinger will in der kommenden Woche alle Beteiligten - Vertreter der Rübenbauern, der Bundesländer, der Landwirtschaftskammer und der Agrana - zu einem Gipfelgespräch einladen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. „Die Schließung der Zuckerfabrik wäre ein schwerer Schlag für die Zuckerproduktion und den Rübenanbau in Österreich. Es geht vor allem auch um die Selbstversorgung unsers Landes mit Zucker aus heimischer Produktion“, so Köstinger in einer Stellungnahme. Die Folgen des Klimawandels, wie etwa Trockenheit und massiver Schädlingsbefall, hätten in den letzten Jahren zu einer Reduktion der Anbauflächen geführt. „Wir werden bereitstehen, um gemeinsam mit der Branche Lösungen zu finden, wie man die Anbauflächen wieder erhöhen kann“, betont die Ministerin.

Pernkopf: Nationale Kraftanstrengung und Schulterschluss notwendig

Niederösterreich stehe hinter seinen Rübenbauern und der heimischen Zuckerproduktion, reagiert Pernkopf auf das angekündigte Aus für die Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf. „Die Bauern wollen die Flächen bewirtschaften, man muss sie aber auch lassen. Sie brauchen Verlässlichkeit und notwendige Rahmenbedingungen. Eine nationale Kraftanstrengung und ein Schulterschluss von Wirtschaft, Bauern und Konsumenten sind jetzt notwendig“, stellt Pernkopf fest, denn eines sei klar: „Wenn der Zucker nicht in Österreich produziert wird, muss er aus anderen Erdteilen importiert werden, wo möglicherweise Regenwald dafür gerodet wurde. Das kann niemand wollen.“

Zuckerrübenanbau in der Krise

Der europäische Zuckerrübenanbau steckt seit Jahren in einer schweren Krise. Die Produktionsausweitung der großen Erzeugerländer in Europa nach der Aufhebung der nationalen Produktionsquoten ließ die Zuckerpreise auf die Hälfte abstürzen. Das wirkte sich im gleichen Ausmaß auf die Rübenpreise aus, wodurch der Anbau auch in Österreich schwer unter wirtschaftlichen Druck geriet. Durch den verstärkten Umstieg vieler Ackerbaubetriebe auf biologische Wirtschaftsweise stellten viele dieser Betriebe den Rübenanbau dauerhaft ein. Zusätzlich vernichtete der Rübenderbrüssler durch das massive Auftreten bis zu einem Viertel der gesamten österreichischen Rübenanbaufläche. Mancherorts wurde dadurch der Rübenanbau unmöglich gemacht, denn dieser Schädling ist nur sehr schwer mit den zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmitteln bekämpfbar. Aus all diesen Gründen war in den vergangenen Jahren ein starker Flächenrückgang beziehungsweise -ausfall zu verzeichnen. (aiz)