04.03.2020

Erwerbskombinationen zur Existenzsicherung bäuerlicher Betriebe

Im Rahmen des oberösterreichischen Strategieprozesses „Zukunft Landwirtschaft 2030“ standen gestern in der LWBFS Kleinraming Erwerbskombinationen im Mittelpunkt. Die Erzeugung agrarischer Rohstoffe wird immer öfter um Dienstleistungen oder fertig verwendbare Lebensmittel erweitert. Aktuellen Zahlen zufolge sind 230 oberösterreichische Direktvermarkter Genussland-Produzenten, 365 weitere sind mit dem „Gutes vom Bauernhof“-Siegel als vorbildliche Direktvermarkter ausgezeichnet und etwa 300 Höfe sind im Verband „Urlaub am Bauernhof OÖ“ organisiert. Oft geht mit der Diversifizierung auch eine Öffnung der Betriebe einher, da vermehrt Menschen direkt auf die Höfe kommen und die Landwirtschaft hautnah miterleben können. „Diese Betriebe sind wertvolle Botschafter unserer multifunktionalen Landwirtschaft. Gleichzeitig sind damit aber auch viele Herausforderungen verbunden. Eine gründliche Beratung ist daher notwendig, um die eigenen Möglichkeiten mit den Erwartungen abzugleichen“, so Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger.

Die Bundesregierung hat dazu wichtige Punkte zur Stärkung der Familienbetriebe in ihrem Programm verankert. Neben dem bestmöglichen Schutz gegen Erwerbsausfälle kommen Höfen mit Erwerbskombinationen vor allem sozialrechtliche und steuerliche Maßnahmen zugute, wie die Risikoausgleichsmaßnahme bei Ertragsschwankungen. Vorgesehen ist ferner die Anhebung der Umsatzgrenze für landwirtschaftliche Nebentätigkeiten auf 40.000 Euro.

Landwirtschaftliche Nebentätigkeiten zur Steigerung des Betriebserlöses

Brigitte Kuttner-Raaz begleitet seit über 25 Jahren Betriebsführer beim Umstieg weg von der reinen Urproduktion. Die Hauptmotivation für die Betriebe bildet dabei immer die Erwartung langfristig besserer Zukunftschancen und eines gerechteren Einkommens. „Die größte Sorge der Bauern sind die volatilen Erzeugerpreise, deren Ursachen zunehmend komplexer werden und denen sie voll ausgeliefert sind. Da ist die Überlegung, zu einer Dienstleistung wie dem Einstellen von Pferden mit einer planbaren monatlichen Gebühr wechseln zu wollen, mehr als verständlich“, so die Unternehmensberaterin. Um für diesen strategischen Entscheidungsprozess eine profunde Grundlage zu liefern, ermittelt sie für ihre Kunden die Deckungs- und Einkommensbeiträge der bestehenden Betriebszweige und stellt diesen Ergebnissen jene der geplanten Betriebszweige gegenüber. „Alle meine Kunden leben für ihre Landwirtschaft, aber viel zu wenige leben davon“, so Kuttner-Raaz. „Das vorrangige Ziel, die Substanz ihrer Gebäude, Maschinen, Flächen und Anlagen zu erhalten, wird meist erreicht. Die aktuellen Erzeugerpreise und die laufend zunehmende Kostenbelastung verhindern auf vielen Höfen aber eine adäquate Entlohnung der Familienarbeitszeit.“

Hofübergabe als großes Ziel und gleichzeitig als Wagnis

Ebenso steht das oft erklärte Ziel, einen ökonomisch gesunden Betrieb zu übergeben, auf tönernen Füßen. Die Rückkehr der potenziellen Hofübernehmer, die bereits mitten im Arbeitsleben stehen, in den Haupterwerb, ist ohne zusätzliche Einkommensquellen ein Wagnis. „Die kleinstrukturierten Betriebe stehen in einem harten internationalen Wettbewerb. Man schickt sie in ein Rennen, das sie gar nicht gewinnen können, weil sie im Vergleich zum globalen Mitbewerber die höchsten Umwelt-, Tierwohl- und Sozialauflagen erfüllen müssen. Ein Vollerwerbsbetrieb mit über 4.000 Familien-Arbeitskraftstunden muss aber von der Erzeugung von Lebensmitteln leben können. Hinzu kommt, dass vor allem die jüngere Generation auch höhere Ansprüche an die viel beschworene Work-Life-Balance stellt“, so die Beraterin.

„Die österreichischen Verbraucher müssen sich klar machen, dass schon in einigen Jahren unsere Lebensmittel aus Ländern kommen werden, in denen weniger strenge Umwelt-, Tierwohl- und Sozialauflagen gelten, wenn sie ihr Kaufverhalten nicht umgehend ihren Kaufabsichten anpassen. Diese für die Bauern überlebenswichtige Botschaft darf aber nicht nur an die Endverbraucher im Supermarkt gerichtet sein, sondern auch an Gastronomie und Kantinen. Dieser wichtige 'Markt der Profiküchen' ist zu emotionalisieren, damit künftig der Geschmack unserer Rindsuppe nicht aus einem Mercosur-Staat importiert wird“, bringt es Kuttner-Raaz auf den Punkt.

Landwirtschaftliche Betriebe an der Schwelle zum Gewerbe

Die Diversifizierung ist oft auch ein gewerberechtliches Wagnis. „Die Abgrenzung der Landwirtschaft vom Gewerbe ist im Steuerrecht, in der Gewerbeordnung, im Sozialversicherungsgesetz und in der Raumordnung unterschiedlich geregelt. Der gemeinsame Nenner dabei: Die gewerblichen Tätigkeiten müssen zum land- und forstwirtschaftlichen Hauptbetrieb im Verhältnis der deutlichen wirtschaftlichen Unterordnung stehen. Dadurch kann die gewerbliche Tätigkeit aber auch nur einen kleinen Teil zum Gewinn beitragen“, so Kuttner-Raaz. Daneben wird vielfach die Flächenwidmung zur Herausforderung. Aufgrund der Grünlandwidmung sind die Betriebe in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt, bestehende Gebäude können nicht für neue Betriebszweige genutzt werden. Das erschwert die Erhaltung der landschaftsprägenden Gehöfte. „In meiner Beratungstätigkeit beeindrucken mich Durchhaltevermögen, Kompetenz, Kreativität und Innovationsbereitschaft der Landwirte immer wieder. Sie müssen diese Qualitäten jeden Tag beweisen, können die aktuellen Herausforderungen aber nicht alleine meistern. Schlussendlich ist es die gemeinsame Aufgabe der Gesellschaft und der Politik, die Rahmenbedingungen für den Fortbestand unserer landwirtschaftlichen Familienbetriebe zu schaffen“, so Kuttner-Raaz abschließend. (aiz)